von Leonie Sontheimer

Das Internet ist eine Erfindung. Diese Feststellung mag auf den ersten Blick unspektakulär wirken. Doch das ist sie keineswegs. In ihr verbirgt sich eine Erkenntnis, die den Erkenntnissen der Aufklärung in nichts nachsteht. Wir jungen Menschen in Europa sind in eine Welt geboren worden, in der es das Internet bereits gab. Wir sind mit dem Internet aufgewachsen, mit ICQ, Second Life und Youtube. Wir sind „digital natives“. Wir sind gut darin, die Designoberflächen von Smartphones zu begreifen oder unser Leben digital zu organisieren. Doch die meisten von uns sind lediglich Nutzer*innen des Internets. Wir nutzen das Internet, so, wie wir Supermärkte nutzen. Als Konsument*inen, die wenig von der Infrastruktur oder der Produktionskette verstehen. Das spielt den Plattformen wie Google, Amazon und Facebook in die Hände, die wir massenhaft nutzen und die dadurch immer mächtiger werden. Wir müssen das Internet wieder mitgestalten, denn es ist schon jetzt der „Ort“, an dem wir die meiste Zeit unseres Lebens verbringen. Es gibt gerechtere und partizipativere Alternativen zu dem Internet, wie es sich in den letzten 10 Jahren entwickelt hat. Doch wenn wir nicht schleunigst beginnen, das Internet mitzugestalten, werden wir uns immer weiter in der Alternativlosigkeit der neoliberalen Plattformen verlieren. Der Weg von Konsument*innen zu Mitentwickler*innen ist lang und es scheint nicht realistisch, dass alle mitlaufen werden. Aber den ersten Schritt, den sollten wir alle tun. Und der besteht darin, zu erkennen, dass das Internet eine Erfindung ist.

Das Internet wird/wurde 25

Wann wurde das Internet erfunden? Im Internet findet man darauf keine eindeutige Antwort. Manche Webseiten feierten den 25 Geburtstag schon 2013, andere planen die große Party in diesem Jahr. Fest steht, es waren die early 80er. Damals löste das Internet Protocol die Arpanet-Protokolle ab, die noch aus der Feder des US-Verteidigungsministeriums stammten. Wer sich an dieser Stelle fragt, was ein Protokoll ist, macht schon den zweiten Schritt auf dem Weg zum*r Prosument*in. Weiter so!

Gründerväter

Die Erfinder des Internet Protocols, gerne auch Väter des Internets genannt, sind Vint Cerf und Bob Kahn. Heute zwei weiße alte Männer. Vint Cerf arbeitet mittlerweile für Google, wo er liebevoll „Chief Evangelist“ genannt wird. In einer Rede auf dem Princeton-Fung Global Forum, das im März in Berlin stattfand, sagte er: „I believe that we have a lot of unfinished business.“ Ein paar Sätze später wies er darauf hin, dass die Hälfte der Weltbevölkerung keinen Zugang zum Internet habe. Darin steckt eine weitere sehr wichtige Erkenntnis:

Das Internet kommt aus dem Westen

Heutzutage erstreckt sich das www – getreu seinem Namen – über die ganze Welt. Ob wir auf dem Campus in Göttingen, in einem Hostel in Bangkok oder im Zug von Sanfran nach L.A. sitzen, überall können wir uns mit unseren mobilen Endgeräten in das globale Netz einloggen. Dabei lässt sich schnell vergessen, dass gerade mal die Hälfte der Weltbevölkerung dieses Privileg genießt. Das soll jetzt bloß kein Mitleid mit Afrika hervorrufen. In Mosambik gibt es flächendeckend 4G-Mobilfunknetz, während wir Deutschland das langsamere 3G nutzen. Und Ruanda hat sein eigenes Silicon Valley. Die Weltgemeinschaft sollte sich gemeinsam bemühen, Internetzugang für alle Menschen zu ermöglichen. Ohne damit neokolonialistische Strukturen zu festigen, wie zum Beispiel Facebook es momentan mit seinem free-basic-service im globalen Süden tut.

Nun zur Technik

Wenn wir begriffen haben, dass das Internet von weißen Männern in den USA erdacht wurde und längst noch nicht alle Menschen weltweit daran teilhaben, sollten wir genügend Motivation haben, um uns dem technischen Teil zu widmen. Denn da müssen wir durch. Wenn die Weltgemeinschaft das Internet selbst in die Hand nehmen will, dann müssen alle zumindest ein grobes Verständnis der zugrundeliegenden Technik haben. Für dieses Vorhaben eignet sich ein Text von David Clark sehr gut zum Einstieg. In „The Contingent Internet“ beschreibt der US-amerikanische Internetpionier technische Weggabelungen in der Geschichte des Internets und hinterlässt das Gefühl, dass auch alles anders hätte kommen können – oder kommen kann.

 

Weiterführende Links:

Foto: CC BY-NC-ND 2.0, Picture by transCam

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