Von Lennart Krotzek

Nach der Wahl von Trump hatte man das Gefühl, viele Journalist*innen würden ihren persönlichen Gang nach Canossa antreten. Zumindest in amerikanischen Medien fand und findet ein Prozess der Selbstkritik statt. Wieso hat kaum ein*e etablierte*r Journalist*in den Ausgang der Wahl vorhergesehen? Eine Ursache dafür wird häufig genannt: Medienvertreter*innen sehen sich den Konsequenzen der sozialen und algorithmischen Filterbubble ausgesetzt. Plötzlich wird sichtbar, dass auch sie Opfer eines Phänomens sind, das ihnen einen distanzierten Blick auf die Welt verdeckt. Viele Journalist*innen sind in einem Selbstbestätigungssystem gefangen, das sie hat glauben lassen, dass nur Hillary Clinton Präsidentin werden könne. Sie lagen falsch, vor allem, weil sie sich von ihrem Umfeld haben beeinflussen lassen. Die Lehre: Journalist*innen müssen sich über ihre eigene Filterbubble bewusstwerden und die Folgen daraus mit in ihre Berichterstattung einbeziehen.

 

Das ist die eine Dimension der Echokammer, die nach der US-Wahl thematisiert wurde. Doch nicht nur für die schlechten Vorhersagen der Medien wird die Filterbubble verantwortlich gemacht. Auch der Wahlausgang an sich wird mit ihr in Verbindung gebracht. Sie habe dazu geführt, dass Trump-Unterstützer*innen keiner ausgewogenen Berichterstattung der etablierten Medien ausgesetzt waren. Damit sei ein Großteil der Kritik an seinen Vorhaben und seinem Verhalten gar nicht erst zu potentiellen Trump-Wähler*innen vorgedrungen.

 

Wie das Projekt Blue Feed, Red Feed des Wall Street Journals eindrucksvoll zeigt, sehen die Unterstützer*innen einer Partei ein anderes Internet als die jeweils anderen. Das führt dazu, dass Trumps Äußerungen in den Newsfeeds von Trump-Unterstützer*innen ohne Gegenrede stehenbleiben und somit als objektive Wahrheit betrachtet werden. Nicht nur etablierte Medien haben dann keine Chance mehr, diese Menschen zu erreichen, sondern auch Bekannte und Freund*innen mit anderen Positionen werden durch Algorithmen unsichtbar. Dazu kommt dann noch, dass Anhänger*innen bestimmter politischer Strömungen, Medien konsumieren, die ihre bereits bestehenden Meinungen reproduzieren. Die im Prinzip positive Errungenschaft des Internets, dass sich alle ihr eigenes Medium schaffen und sich somit am medialen Diskurs beteiligen können, führt hier zur Abschottung und damit dem Gegenteil von offenem Diskurs.

 

Es ist wichtig, über die Folgen der Personalisierung für die gesellschaftliche Debatte und die Meinungsbildung nachzudenken. Es sollte jedoch nicht der Fehler gemacht werden, den digitalen Entwicklungen allein die Schuld für das Erstarken von Rechtspopulismus und polarisierter Debatte im Allgemeinen in die Schuhe zu schieben. Das wäre naiv und verschleiert grundsätzliche Probleme der Gesellschaft, die unbedingt diskutiert werden müssen, um diesen Prozess aufzuhalten oder gar umzukehren.

 

Ich möchte an dieser Stelle nicht näher auf die vielen einzelnen Gründe für Trumps Erfolg eingehen. Mir ist nur wichtig, dass die Filterbubble eher als soziale Folge gesellschaftlicher und technischer Prozesse gesehen wird, anstatt als ihre Ursache. Denn das wichtigste Argument für den Erfolg des Rechtspopulismus ist meiner Meinung nach immer noch die gescheiterte Politik der letzten Jahrzehnte. Das gilt gleichermaßen für Trump als auch für das Erstarken des europäischen Rechtspopulismus. Ein anderes Argument ist sicherlich das amerikanische Wahlsystem, das einen Wahlsieg ohne die Mehrheit der Wähler*innenstimmen ermöglicht. Dazu kommen demografische Entwicklungen in den USA, eine Gegnerin, die offensichtlich keine gute Alternative anbieten konnte und eine ablehnende Haltung vieler Menschen gegenüber dem System und der sogenannten politischen „Kaste“, die sich in Washington immer weiter abgeschottet hat.

 

Die Schuld auf algorithmische und soziale Personalisierungssysteme im Internet zu schieben ist zu kurz gedacht. Es lässt sich zwar nur spekulieren, ob Trump auch ohne Facebook und Twitter hätte Präsident werden können, aber auszuschließen ist es eben nicht. Die Filterbubble verstärkt Phänomene, die in der Gesellschaft ohnehin schon vorhanden sind, sie ist aber nicht ihre Wurzel. Personalisierung wirkt lediglich als Katalysator für eine soziale und politische Polarisierung.

 

Das heißt nicht, dass die Risiken einer sich immer weiter verstärkenden Filterbubble unterschätzt werden dürfen. Das ist gerade im Hinblick auf die im nächsten Jahr stattfindenden Wahlen in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland wichtig. Die Effekte der Echokammer werden nämlich von anderen Faktoren verstärkt. Der Konsum von Massenmedien wie Zeitung und Fernsehen geht immer weiter zurück. Immer mehr Menschen beziehen ihre Nachrichten aus sozialen Netzwerken und von Suchmaschinen. Damit können die traditionellen Massenmedien eine ihrer Hauptfunktionen nicht mehr erfüllen: Ein von einem Großteil der Bevölkerung geteiltes Wissen bereitzustellen, auf das sich alle berufen können und das einen gesellschaftlichen Diskurs ermöglicht. Als wäre das noch nicht genug, kommt dazu noch die Vertrauenskrise, in der etablierte Medien stecken.

 

Die Prozesse sind schon seit einiger Zeit zu beobachten und werden immer dann sichtbar, wenn wieder Wahlen anstehen. Für Parteien wird es nämlich in Zukunft noch schwieriger, Menschen mit anderen Positionen zu erreichen und zu überzeugen. Die Filterbubble verhärtet die Fronten. Wer zudem keine Debatten in den Massenmedien verfolgt, wird mit anderen Meinungen kaum mehr in Berührung kommen.

 

Wer die Filterbubble als einzige Ursache für Trump und Co. betrachtet, wird auf falsche Lösungsansätze kommen. Natürlich sind Medien wie Facebook und Twitter in der Verantwortung, dem entgegenzuwirken. Natürlich sind wir als Konsument*innen in der Verantwortung, uns über unsere eigene Filterbubble bewusst zu werden. Natürlich sind Journalist*innen in der Verantwortung uns darüber aufzuklären und nicht nur ihre eigene enge Zielgruppe zu erreichen. Das allein wird aber nicht reichen. Die grundsätzlichen Probleme, die in hier angesprochen und nur unvollständig genannt wurden, müssen in ihren Ursachen bekämpft werden. Nur dann kann diese gesellschaftliche Entwicklung aufgehalten werden.

 

Dafür spricht auch, dass empirische Untersuchungen zur Filterbubble andeuten, dass ihre Effekte überschätzt werden könnten. Die Filterbubble würde in einer offenen Gesellschaft mit einem konstruktiven Diskurs nicht funktionieren. Sie ist dabei Folge und Ursache dafür, dass wir nicht in einer solchen Gesellschaft leben. Technischen Entwicklungen allein die Schuld für gesellschaftliche Entwicklungen zu geben ist ein technikfeindlicher Reflex, der nichts am Problem an sich ändern wird.

Beitragsbild Trump: Von Michael Vadon – Donald Trump, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45496445

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